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An seinem 60. Geburtstag hielt Msgr. Molitor die Predigt in der Chrisam-Messe im Dom zu Osnabrück. In der gegenwärtigen Krise sollte dies zugleich Erinnerung und Ermutigung sein.
“Jesus Christus hat uns die Würde von Königen gegeben und uns zu Priestern gemacht für den Dienst vor seinem Gott und Vater.
Ihm sei die Herrlichkeit und die Herrschermacht in Ewigkeit. Amen.”
Wie beim Paukenschlag einer klassischen Symphonie eröffnet die heutige Liturgie mit diesem Vers aus der Offenbarung.
Nicht salbungsvolle Worte wollen dies sein, sondern Worte, die deutlich machen, was die Salbung bedeutet. Sie bringen uns in Kontakt mit Gott und schenken uns Teilhabe. “Ihr aber werdet Priester des Herrn heißen” (Jes 61, 6a).
Zurück auf dem Boden der irdischen Tatsachen schauen wir in die Realität des heutigen Priester-Seins.
Und wir entdecken in diesem Jahr neben dem Jahr des Tigers, dem Jahr des Hundes, dem Jahr des Kormoran, dem Jahr des Umschwungs, dem Jahr des infrastrukturellen Umbaus, dem Jahr der deutschen Sprache auch das Jahr des Priesters. Und fragen, ob neben der Erinnerung an den großen Pfarrer von Ars nicht auch ein wenig mitschwingt von der Sorge nach einer bedrohten Art und von der Hoffnung, durch konzentrierte Erinnerung noch ein wenig von dem zu retten, was zu retten ist.
Gibt es überhaupt noch einen Weg aus dem Stimmungstief heraus? “Wir sind jetzt mit der Kirche fertig”, sagen Interviewte in der Twistringer Kreiszeitung. Kirchenaustritte, Einbruch bei den Beichten. Verunsicherte in den Gemeinden. “Gehörst du nicht auch zu denen?” Ordenspriester, denen im Habit “Ihr Kinderschänder” nachgerufen wird.
Ohne ein klares Bekenntnis zur Priorität des Blickes auf die Opfer, ohne die Frage, wie Kirche sich erneuern kann, damit wir das uns mögliche zur Vermeidung tun, aber auch ohne eine Vision für die Zukunft werden wir nicht aus dem derzeitigen Loch herauskommen. (Evtl.: Die Entschließung des Priesterrates: Klarheit und Zukunft” von heute weist genau in diese Richtung.)
Nach genau sechs Lebensjahrzehnten möchte ich ein wenig zur Tagesordnung zurückkehren und von meinen Erfahrungen, von meinen im doppelten Sinne Lebens-Eindrücken erzählen.
Drei Lebensaufgaben mache ich für das priesterliche Tun aus:
Wahrhaftigkeit, Liebe und Dienst.
Zunehmend fragen uns die Menschen nicht mehr, was man glaubt. Was im Katechismus steht. Sie fragen: Was glaubst Du? Und sie lesen an unserem Leben ab, wie wahrhaftig wir sind.
Mir geht das selber so. Wahrhaftigkeit, Liebe und Dienst wollen erlebt sein. Im Blick auf meine Lebensjahrzehnte sehe ich als Kind neben meinen Eltern vor allem einen Vikar, hier in meiner Heimatgemeinde am Dom. Mit seiner Gitarre lagen wir gerne bei Madagaskar fest, hatten Jung-Volker als Räuberhauptmann - und lernten zugleich unseren Dom mit seinen geistlichen Schätzen kennen und erfuhren als Messdiener die Liturgie nicht nur als geistliches Geländespiel, sondern als göttliches Geschehen.
Nicht nur nebenbei: Von alle den schlimmen Dingen keine Spur. Im Gegenteil. Nähe und Respekt gehörten für uns zusammen.
Als Jugendlicher kamen Fragen auf. Tod und Krankheit in der Familie: Großmutter, Vater, Bruder. Da war es im Wesentlichen unser Pastor meiner neuen Heimatgemeinde St. Barbara, der Hoffnung und Zuversicht gab. Nach langer Stasi-Haft in Bautzen kam er krank, aber voller Gestaltungskraft und war uns mit unseren Fragen kluger Berater, Bruder und Vater zugleich. Das Konzil erlebte er voller Erwartung und Spannung. Sein Leiden und Sterben hatte etwas von Karfreitag und Ostern zugleich. Sein Credo: Die Leiden dieser Zeit bedeuten nicht im Vergleich zur künftigen Herrlichkeit.
Im Studium dache ich zunächst, ich könne Antworten auf meine Fragen finden. Statt dessen gab es Fragen zu meinen bisherigen Antworten. Wie wichtig war mir da der Pater, der viele Wege mitging - im wirklichen wie im übertragenen Sinn - und der Fragen zuließ. Der mir ordnen half und en passant (im wahrsten Sinne des Wortes) die Tiefe eines Charles de Foucauld erschloss: “Mein Vater, ich überlasse mich dir.” Und genau diese Haltung lernten wir im Seminar kennen durch die Lübecker Geistlichen, denen wir nachzuspüren begannen. “Herr, hier sind meine Hände. Lege hinein, was du willst, nimm hinweg, was du willst. Führe mich, wohin du willst. In allem geschehe sein Wille.”. Ich weiß nicht einmal, ob Prassek, Lange, Müller und Stellbrink Foucauld gelesen haben. Aber der Geist, der sie beseelt hat mit Wahrhaftigkeit und Liebe in ihrem Dienst, der war gleich.
Als junger Vikar waren mir die Gespräche mit meinem Pastor wichtige Hilfe. Gleich zwei meiner Vorgänger starben: der eine tödlich verunglückt - er liegt hier im Domherrenfriedhof, der andere nach langer, schwerer Krankheit. Der Moment, wo ich den Kelch dieses begnadeten Jugendseelsorgers hinter seinem Sarg tragen durfte, hat mich lange bewegt. Und wieder die Frage: Was hat Gott vor mit seiner Kirche, mit uns, mit mir? Ein schlimmer Unfall, der mich fast einen Arm gekostet hätte, half mir zur Demut. Ein Vierteljahr im Krankenhaus - und ich lernte den aufopferungsvollen Dienst der Schwestern und Pfleger intensiv von der anderen Seite kennen. Das allgemeine Priestertum, die Sendung aller Gläubigen.
Bewegte und bewegende Jahre als Kaplan, als Pfarrer, als Dechant. Mit Kaplänen und Praktikanten, pastoralen MitarbeiterInnen, mit der Gemeinde. Erfahrungen von Einfluss und Ohnmacht zugleich. Aber vor allem immer wieder dies: Eingebunden sein in eine Gemeinschaft von Menschen, die auf Gott vertrauen. Junge Leute mit Tatkraft und guten Ideen, Alte mit ihrer Erfahrung und ihren Lebensspuren. Da waren selbstlose Dienste von Ehrenamtlichen. Schwerkranke, die mich trösten. Männer und Frauen, die dankbar sind für die Sakramente, die ich spenden darf. Und die mich dankbar machen dafür, dass ich sie spenden kann.
Ich denke an den schwer kranken Mann in diesem Jahr. Nach der Stärkung durch die Krankensalbung fragte ich, ob wir noch ein Lied singen wollten. Ja, das wollte er. “Und gebt mir dazu meine Mundharmonika.” Der nicht ohne Tränen begleitete Klang seines Instrumentes zum “Großer Gott, wir loben dich” auf seinem Kranken- und in der vergangenen Nacht auch Sterbebett wird mir und seinen Kindern wohl immer im Gedächtnis bleiben. In solchen Momenten weiß ich genau, warum und wofür ich Priester bin.
Und ich erinnere mich wieder an die Worte aus dem Lukasevangelium, das Sie alle auswendig kennen. “Der Geist des Herrn ruht auf mir. Denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht. Damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setzt und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.” Ein Wort über Christus und über alle, die an seiner Sendung teilhaben. Nicht eine Aussage über die Macht, sondern über die Vollmacht. Nicht über den ersten Platz, sondern über den letzten.
Gleich werden die heiligen Öle gesalbt. Der Hauch Gottes ist gegenwärtig. Wieviel Energie war notwendig, wieviel Sonne, damit dieses Öl entstehen konnte? Und wieviel göttliche Energie wird damit vermittelt, den Katechumenen, die auch heute noch nach dem Glauben fragen, den Neugetauften und den Firmanden, die in der heutigen Zeit nach Stärkung durch Gottes Geist streben, den Priestern für ihren unverzichtbaren Dienst und nicht zuletzt den Kranken in ihrer Schwachheit.
Gott braucht keine Avatare, die ihre Energie aus künstlichen Quellen beziehen. Der dreifaltige Gott setzt auf echte, einfache, fehlbare Menschen. Sie will er stärken und durch den Dienst der Kirche salben. Nicht nur für ein Jahr.
Ja, ihnen - uns - gilt das Wort.
Jesus Christus hat uns die Würde von Königen gegeben und uns zu Priestern gemacht für den Dienst vor seinem Gott und Vater.
Ihm sei die Herrlichkeit und die Herrschermacht in Ewigkeit. Amen.
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